In Erinnerung an Hermann Atz (1953-2026)

 „Und erst als dieser Tod grob in die Welt
schlug wie eine plötzlich zufallende Tür,
da schraken wir auf und sehen bestürzt
nun die eingebrochene Leere …“
Stefan Zweig, 1927

Hermann Atz ist bei einem Bergunfall tödlich verunglückt. Völlig unerwartet, „wie eine plötzlich zufallende Tür“.

Hermann wird uns vor allem als liebenswürdiger, hilfsbereiter, auch geselliger Mensch und Freund fehlen, aber auch als anerkannter Wissenschaftler, der die Politikwissenschaft in Südtirol mitgeprägt hat.

Hermann war ein Mann der Zahlen. An der Universität Innsbruck hat er das Studium der Physik abgeschlossen, anschließend hat er am Institut für Höhere Studien in Wien studiert und das Studium der Politikwissenschaft an der Universität Wien absolviert.

In seiner politikwissenschaftlichen Dissertation zum Thema „Die Grünen Südtirols,“ beschreibt er seinen wissenschaftlichen Werdegang: „Im Thema dieser Arbeit fließen verschiedene Fäden meines facettenreichen beruflichen Werdegangs zusammen: von der Beschäftigung mit statistischen Daten zur Sozialstruktur Südtirols über die Auseinandersetzung mit individual- und sozialpsychologischen Aspekten des Zusammenlebens mehrerer ethnischer Gruppen und ihrer Relevanz für das politische System des Landes bis zur empirischen Wahlforschung mithilfe von repräsentativen Bevölkerungsumfragen.“

Bereits 1993 hatte er mit Helmuth Pörnbacher das Sozialforschungsinstitut Apollis in Bozen gegründet, dem er als wissenschaftlicher Co-Leiter vorstand. Apollis wurde für die Sozialwissenschaften in Südtirol ein unersetzliches Institut, das vor allem durch seine Meinungsumfragen zur Politik die politische Wirklichkeit des Landes abphotographierte. Meinungsumfragen sind nicht nur Momentaufnahmen von Einstellungen, Verhaltensweisen oder Orientierungen, sondern geben den Wählern und Wählerinnen genauso wie den politischen Akteuren ein Instrument in die Hand, mit dem sie politische Entscheidungen treffen.

Hermann hat mit seinem Institut Pionierarbeit geleistet und nie damit gegeizt, seine erhobenen Daten für die wissenschaftliche Aufarbeitung von politischen Themen zur Verfügung zu stellen. Gemeindewahlen, Landtagswahlen, Parlamentswahlen, EU-Wahlen: Hermann hat auf der Grundlage seiner Meinungsumfragen zu allen elektoralen Ebenen gearbeitet und dazu grundlegende Arbeiten verfasst. Wer sich mit dem Zusammenleben der Sprachgruppen in Südtirol befasst, kommt an seinen Arbeiten nicht vorbei.

Seine Arbeitsschwerpunkte waren Umfrageforschung, Bildung, Sozialwesen, Regionalentwicklung, Wahl- und Policy-Forschung. Die in diesen Bereichen gesammelten praktischen Erfahrungen „im Feld“, die immer theoriegeleitet waren, hat Hermann als akademischer Lehrer weitergegeben. Er war für viele Jahre Lehrbeauftragter für Statistik am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck sowie an der Freien Universität Bozen.

Seit vielen Jahren war Hermann eine Persönlichkeit, die in der Öffentlichkeit stand, der die Politik im Lande beobachtete, beschrieb und analysierte. Hermann war wegen seiner klaren Sprache und analytischen Schärfe ein gefragter Kommentator in den Medien und Diskussionsteilnehmer, Referent und Impulsgeber bei öffentlichen Veranstaltungen. Hermann hatte klare Standpunkte und sparte bei Bedarf nicht mit Kritik, ohne sich vor irgendwelchen „Granden“ einschüchtern zu lassen. Dennoch wurde er immer wieder von allen politischen Parteien, die auf dem Boden der Demokratie stehen, eingeladen, ohne deswegen politische Abstriche zu machen. Gerade deswegen wurde er parteiübergreifend geschätzt. Hermann war ein typischer, ja idealer Vertreter der Zivilgesellschaft. Er war ein zutiefst politischer Mensch, an der Politik interessiert, brachte sich ein, engagierte sich bei gesellschaftlichen Projekten und investierte in Bürgerinitiativen seine Erfahrungen und seine Zeit.

Hermann gehörte 2008 zu den Gründungsmitgliedern der Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft, in der er sich in unterschiedlichen Funktionen engagierte. Er war Vorstandsmitglied und Rechnungsprüfer, aber auch Berater und Mahner. Mit ihm verliert der Verein ein aktives Mitglied, eine tragende Stütze, hat er doch seit Anbeginn mit seinen Beiträgen im Jahrbuch „Politika“ zahlreiche fundierte Beiträge für das Verständnis der Politik in Südtirol verfasst.

Hinter den vielen Zahlen versteckte sich bei Hermann auch ein musischer Mensch. Er hat im Chor gesungen und hat Geige gespielt, besuchte immer wieder kulturelle Veranstaltungen, reiste gerne.

Die Anwesenheit Hermanns in der Öffentlichkeit, in der Wissenschaft, in der Zivilgesellschaft, für unser (politisches) Leben war ein gesellschaftlicher Mehrwert. Erst wenn ein Mensch nicht mehr da ist, sehen wir „bestürzt nun die eingebrochene Leere.“ Und es wird uns bewusst, wie selbstverständlich seine Gegenwart für unser Leben geworden war. Und wie schwierig es sein wird, diese Lücke zu schließen.

 

Für die Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft/Società di Scienza Politica dell’Alto Adige/Sozietà de Scienza Pulitica de Sudtirol.

Günther Pallaver, Ehrenpräsident; Elisabeth Alber und Alice Engl, Co-Präsidentinnen.

Die Vorstandsmitglieder Andrea Carlà, Theresia Morandell, Katharina Crepaz, Harald Knoflach, Mauro di Vieste

Juni 2010 - Hermann Atz (h. rechts) bei der Ehrung der Politischen Persönlichkeit des Jahres 2009. | Giugno 2010 – Hermann Atz (in fondo a destra) alla cerimonia di conferimento del riconoscimento di Personalità politica dell’anno 2009.
Jänner 2025 - Hermann Atz (v. rechts) bei der Generalversammlung der Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft. | Gennaio 2025 – Hermann Atz (a destra) all’assemblea generale della Società di Scienza Politica dell'Alto Adige.
Oktober 2025 - Hermann Atz beim Treffen zum Laaser Marmor, organisiert von unseren Vinschgauer politika-Mitgliedern. | Ottobre 2025 – Hermann Atz all’incontro sul marmo di Lasa, organizzato dai nostri membri di politika della Val Venosta.